Gl├╝cklich geschieden und jetzt mit einem Hausboot im Elsass


 

An meiner "Silbernen Hochzeit" fahre ich mit meinen Freundinnen Jutta und Nadine statt mit meinem EX auf einem Hausboot von LOCABOAT aus Freiburg auf dem Kanal zwischen Straßburg und Lutzelburg.
Von Susanne Everding.

Stolz halte ich das Steuer fest in der Hand. Rechts und links säumen Platanen die Seiten des Kanals. Es riecht nach Lavendel. Ich kann kaum glauben, dass ich diese Reise mache. Mit einem Hausboot durch das bezaubernde Elsass.
So wie ich es mir vor 25 Jahren gewünscht hatte, so wie ich es zusammen mit meinem Ex vor 25 Jahren geplant hatte. An unserem 25 jährigen Hochzeitstag auf einem Boot durch die Kanäle in Elsass-Lothringen zu fahren. Und alles ist so, wie ich es mir damals vorgestellt hatte – fast alles.
Das einzige, was nicht so ist wie es geplant war: Rüdiger ist nicht dabei. Richtiger formuliert mein Exmann Rüdiger.
Bevor wir zu dieser Reise aufgebrochen sind, waren wir getrennt und seit kurzem sind wir geschieden. Doch ganz alleine durch die Kanäle schippern, das wollte ich auch nicht. Anstelle von Rüdiger nehme ich meine Freundinnen Nadine und Jutta mit. Wir haben zwar alle keine  Ahnung von Hausbooten, aber das macht nichts.
Auf der Locaboat-Basis in Lutzelburg am Rhein-Marne-Kanal übernehmen wir unser Boot. Es ist fast 12 Meter lang, hat 3 Kabinen mit Bad, eine Küche und ein Sonnendeck.
Ganz schön groß, finden wir. Wie sollen wir drei Landratten mit diesem Schiff in den nächsten acht Tagen ohne fremde Hilfe allein durch Schleusen fahren und nach Straßburg kommen?
Aber es ist nicht so schlimm, wie wir es befürchtet haben. Ein freundlicher Ingenieur von Locaboat zeigt uns, wie das Schiff zu steuern ist, wie man es auf der Stelle dreht, wie man ablegt, und wie man das Boot am Ufer fest macht.
„Nadine nach vorn, Jutta nach hinten“, ist mein erster Befehl als Kapitänin. „Leinen los und Richtung Straßburg!“
Kein schlechter Einstieg so ohne Mann, oder gerade deshalb. Schon nach ein paar Stunden fühle ich mich wie eine versierte Skipperin. Entgegenkommende Schiffe grüße ich souverän. Ich bin glücklich. Überhaupt wird schnell eines klar: Drei echte Freundinnen auf einem Hausboot, das bedeutet sehr viel Spaß an Bord. Ernst genommen wird nur, was wirklich ernst zu nehmen ist, und endlich kann ich mal wieder über alles reden. Frank und frei!.

Am ersten Abend bleiben wir in Lutzelburg. Wir haben ausgemacht, jeden Abend darf eine von uns bestimmen, wo oder wie wir essen. Jutta zieht einen Volltreffer. Neidisch lauschen wir ihrer sehr französisch klingenden Konversation mit dem Inhaber dieser entzückenden kleinen Gaststätte. Wir essen, was sie uns vorschlägt und bereuen es nicht. Gegrillte Langusten und „Moules frites“ sind eine Spezialität des Hauses, und nirgendwo sonst könnte uns der einfache Landwein besser schmecken als gerade hier und jetzt. Kichernd klettern wir an Bord zurück in unsere überraschend bequemen Kojen und ich vermisse rein gar nichts.

Früh am Morgen werde ich von einem lauten Klatschen wach und von ausgelassenem Lachen. Nadine und Jutta winken mir aus dem Wasser zu und locken mich damit in die Fluten. Es ist sehr kühl und ich glaube das Springen in den Kanal ist nicht unbedingt erlaubt – schon gar nicht nackt. Aber das ist uns der frühmorgendliche Spaß wert.
Gut gelaunt steuern wir unsere erste Schleuse an. Mit sehr viel Geduld und noch mehr Vorsicht durchfahren wir dieses Hindernis. Als es nicht ganz glatt zu gehen droht, hilft uns der Schleusenwärter. Bei ihm kaufen wir Gemüse und zwei Flaschen Wein. Wir sind uns einig. Der Schleusenwärter ist `hot`, und nett, sehr nett. Ich gerate beim Steuern aus der Schleuse fast ein wenig aus dem Takt, seine Blicke tun so gut. Und zum ersten Mal denke ich, vielleicht geht doch noch was, nach fast 25 Jahren Ehe. Am liebsten würde ich mich in dieser Schleuse festfahren und mich vom Schleusenwärter retten lassen, aber das wäre zu unprofessionell. Und so muss ich mich mit einem langen, letzten Blick auf `Clement` - so heißt er -begnügen und bin mir dafür der Neckereien meiner Freundinnen sicher. Überhaupt stellt sich bei uns Dreien eine Flirtlaune ein, die uns überrascht. Aber mit jeder Schleuse, die wir uns weiter hoch – oder runter fortbewegen, fühlt sich unser Leben leichter an. Der Alltag ist schon so weit weg und egal, was wir zuhause mit uns herumschleppten, hier ist all das über Bord gegangen.

Am zweiten Abend sitzen wir im Relais des Postes in Hochfelden, und ich kann sogar lachen über ihn – meinen Ex. „Seine arme Neue...“, Jutta und Nadine sind sich einig. „Überleg mal. was die Bedauernswerte mit deinem Rüdiger noch alles vor sich hat...“ Nadine hat zu viel getrunken. „Dir dagegen steht jetzt ein Leben offen mit hoffentlich gutem Sex." Jutta kichert fast hysterisch. „Und endlich kannst du mal mit jemandem den Urlaub genießen, der nicht alles besser weiß und nicht fast an allem was zu nörgeln hat.“ Sie winkt dem Kellner zu. „Die letzte Flasche geht auf mich...“

Als wir am nächsten Morgen unseren Bootsnachbarn - die Probleme mit ihrer Heizung haben - mit einer Gießkanne und warmem Wasser helfen, laden sie uns als Dank dafür spontan zum Frühstück zu sich an Bord ein. Ich muss meinen Freundinnen Recht geben. Mit Rüdiger hätte ich vermutlich auf so einer Bootsfahrt nicht halb so viel Spaß gehabt wie mit Nadine und Jutta.

Die Fahrt durchs Elsass verwöhnt unsere Augen. Der Wettergott ist uns positiv gesonnen. Wir sind happy. Es gibt keinen Streit, keinen Stress. Und wir sehen gut aus. Auch darin sind wir uns einig. Unsere Haut hat schon diesen hübschen bronzefarbenen Ton angenommen. Unsere Augen strahlen. Unsere Gemüter sind herrlich entspannt.
Nadine schwingt sich jeden Morgen mit Begeisterung auf unser Bordfahrrad, um beim nächstgelegenen Bäcker das immer beste Baguette der gesamten französischen Bäckerwelt zu finden. So schmeckt es uns zumindest. Wir bestreichen es dick mit Mirabellen- Marmelade aus Lothringen. Dazu frisch gebrühter Kaffee. Das Leben kann wirklich so richtig schön sein...

Vorbei am mächtigen Europaparlament ankern wir am nächsten Tag im Hafen von Straßburg. Heute ist Shopping angesagt. Wir freuen uns wie Teenager über coole T-Shirts, bunte Röcke und glitzernde Armbänder und ziehen die neuen Klamotten gleich an, um damit beschwingt die Promenade entlang zu flanieren. Dem Charme französischer Männer erliegen wir gern. Ihre Komplimente braucht Jutta nicht zu übersetzen. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so rundum gelungen gefühlt habe.
Da wir viel Geld ausgegeben haben, beschließen wir, abends an Bord zu essen. Ich koche Pasta mit irgendwas. Wir sitzen bis spät in der Nacht und der Mond schiebt sich herrlich kitschig über große Platanen am Ufer und wir prosten ihm zu. Santé, lieber Monsieur Mond. Schön, dass wir unter deinem  hellen Schein hier sitzen können.

Heute ist Mittwoch und wir brauchen Musik. Wir wollen dahin, wo Franzosen tanzen gehen. Und wir haben Glück. Wir finden tatsächlich eine Kneipe in der gesungen und Gitarre gespielt wird. Die Stimmung macht selig und es wird ein Abend, der nicht gelungener sein könnte. Vermutlich liegt es am Wein aber wir tanzen unsere Füße wund und wir sind alle restlos verliebt – in Frankreich und in unser Leben sowieso.

Irgendwie gehört auch ein Flohmarkt in unser Programm, und den finden wir in Straßburg. Wir verbringen Stunden damit, an den eng aneinander gereihten Tischen auf und ab zu schlendern. Jutta zeigt uns lächelnd den riesigen Hut, der super zu der Farbe ihrer Augen passt. Nadine sammelt Kaffeefilter aus Porzellan – und nein genau diesen hat sie noch nicht. Ich stöbere lange in all den schicken Schmuckstücken, die ich ganz bestimmt nicht brauche aber von denen ich unbedingt ein paar haben muss und denke für einen Moment daran, wie Rüdiger unsere Ausflüge auf die Flohmärkte der Region gehasst hat. Und genau deshalb und überhaupt fehlt er mir immer weniger.

Die Schleuse in Straßburg ist am nächsten Tag ganz schön voll. Drei Hausboote liegen schon drin, unseres soll das vierte sein. Mit klopfendem Herzen lenke ich unser Boot hinein. Dicht an dicht liegen die Schiffe. Nadine hat die Leinen fest im Griff und Jutta tut alles was sie kann, um mich haargenau an unseren Platz zu dirigieren. Und wie immer auch hier nur nette Schleusenwärter, in deren Händen wir uns nicht anders als sicher fühlen können.

Abends wollen wir edel essen gehen. Jutta ist auf ein Restaurant aufmerksam geworden, das wir nicht verpassen dürfen. Die KATZ in Saverne ist bekannt für seine exzellente Küche mit einem Spezialgericht – Lachs in der Salzkruste. Alles passt. Die Atmosphäre, das Essen, der Wein sowieso. Und dann kommt auch noch der Koch, dem wir unser vielleicht bestes Essen der ganzen Reise verdanken, aus der Küche. Während er sich sein absolut verdientes Gläschen Wein gönnt, schweifen seine Blicke zufrieden durch das vollbesetzte Lokal. Als er uns zum Gruße das Glas hebt überlegen wir, ob es an unserer Stimmung liegt oder ob es in Frankreich tatsächlich so unglaublich viele attraktive Männer gibt

An unserem letzten Tag auf dem Kanal treibt es mich früh aus der Koje. Ich lasse meine Freundinnen schlafen. Ich möchte mal allein sein. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand baumeln meine Beine über Bord und ich betrachte wehmütig den Sonnenaufgang. Ich lasse die letzten Tage Revue passieren. Mir ist, als möchte ich ewig so weiter schippern.

Die Schiffstour die ursprünglich mit meinem Exmann Rüdiger sein sollte, war um so vieles besser mit meinen Freundinnen. Ich bin happy und ich stelle fest, ich freue mich auf das Leben ohne ihn…. Die Sonne ist aufgegangen. 

`Au revoir` und  `Au plaisir de vous revoir`, schönes Frankreich!!

 

 

 



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