Weltnaturerbe Wattenmeer


So wunderschön sieht das Wattenmeer aus

 

Rolf Everding zu Gast beim Wattführer Heino auf Juist

Die UNESCO adelt die weltweit einzigartige Nordseeküste. Als erste deutsche Naturlandschaft ernannte die UNESCO das Wattenmeer im Juni 2009 zum Weltnaturerbe. Die Fläche zwischen der holländischen Insel Texel und der Nordspitze von Sylt ist eines der größten von Ebbe und Flut abhängigen Feuchtgebiete der Erde. Der staatlich geprüfte Wattführer Heino Behring von der Nordseeinsel Juist hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass diese internationale Auszeichnung möglich wurde. Ich will wissen, was Weltnaturerbe bedeutet und treffe mich mit Heino zu einer Wattwanderung mit Gästen auf Juist.

Treffpunkt für alle Wattwanderungen mit Heino auf Juist ist die große Uhr am Bahnhof. „Wer im Spätherbst ins Watt will, der muss sich warm anziehen. Mütze, Schal, Handschuhe, dicke Jacke und natürlich Gummistiefel mit warmen Socken oder Zeitungspapier, das isoliert gut, Gummistiefel gibt es bei mir “ ruft Heino seinen Gästen zu. „Wenn Ihr alle gut ausgerüstet seid, kann es losgehen!“ Alle marschieren los, hinter Heino her. Vor uns das Watt. Zwei gehbehinderte Gäste sind auch dabei. Sie fahren mit Solar betriebenen breitreifigen Wattmobilen ins Watt. Ein spezieller Service bei Heinos Wattwanderungen.

„Millionen von Brutvögeln aus der arktischen Tundra, aus Nordeuropa und dem Baltikum treffen jetzt ein, um sich fitt zu machen für den Weiterflug in ihre Überwinterungsgebiete in Südeuropa und Afrika, “ erklärt Heino. „Zu den Zugzeiten gibt es auf der Welt kaum ein Gebiet mit größerem Vogelreichtum als das Wattenmeer“. Wir erleben den Vogelzug hautnah und bestaunen die riesigen Schwärme von Zugvögeln, die in immer wieder neuen Formationen eindrucksvolle Flugmanöver über dem Watt und über uns am Himmel vollziehen. Die Rufe von Ringelgänsen erfüllen die Luft. Mit dem Fernrohr können wir Seehunde auf den Sandbänken beobachten. So etwas haben wir bisher noch nicht erlebt.

Heino ist Wattführer mit Leib und Seele. „Im Spätherbst ist im Watt besonders viel los“, ruft er in die Gruppe. „Das Watt lebt dort, wo Bewegung ist. Im Durchschnitt wechseln Ebbe und Flut alle sechs Stunden. Wenn das Wasser kommt, kommt es schnell. Teilweise sogar mit 200 Metern pro Minute. Deshalb ist es gefährlich, allein ins Wattenmeer zu gehen“, warnt uns Heino. „Würmern und Muscheln macht kaltes Wasser nichts aus. Muscheln produzieren eine Art Frostschutzmittel. Ihr Problem sind die vielen hungrigen Wattvögel. In den kalten Jahreszeiten fehlen die Fische, Krebse und Krabben. Sie haben sich schon in tiefere Regionen der Nordsee zurückgezogen und kommen erst im Frühjahr zurück, sodass die Muscheln heiß begehrte Nahrung sind“. Wer sehen will, wie sich Herzmuscheln eingraben und Sandpierwürmer durch den Sand wühlen, der muss einige hundert Meter weiter laufen. Wir wandern tiefer ins Watt.

Weit draußen zieht Heino mit einem Eisenstab einen Kreis in den Boden. Wir stellen uns an den Rand und warten. Er kniet sich hin, beobachtet den Sand eine Weile und greift dann ganz plötzlich mit der Hand in den Schlick. Er buddelt ein bisschen und holt eine Sandklaffmuschel mit ausgefahrenem Saugfilter an die Oberfläche. „Diese Tiere wohnen hier im Sandwatt“, ruft Heino in die Runde, „sie reinigen das Wasser des Wattenmeeres von eingebrachten Schadstoffen und giftigen Mikroalgen und machen es dadurch zur Kinderstube der Fische. Ohne ein intaktes Wattenmeer gäbe es keine Fische in der Nordsee, denn ein großer Teil des Fischbestandes entwickelt sich im Watt im Schutz der Muschelbänke und wird hier erwachsen.“
Das alles haben wir nicht gewusst. Heino kann interessant erzählen und naturnah verständlich demonstrieren. Immer wieder gräbt er neue Muschelarten aus dem Schlick und erklärt uns ihre Wichtigkeit. „Im Ökosystem des Wattenmeeres sind die Würmer die Lungen, die Muscheln die Nieren und die Krebse, Fische und Vögel die Leber, “ erklärt Heino.

Zwei Stunden mit Wattwürmern, Herzmuscheln, Krebsen, Strandkrabben, Miesmuscheln, Sandpierwürmern und Vogelschwärmen über unseren Köpfen sind wie im Flug vergangen. Wir spüren die Kälte kaum. Heino ruft zur Rückkehr, denn die Flut kommt. Mit viel neuem Wissen über die Bedeutung des Wattenmeeres gehen wir zurück zur Insel.

Abends bei einem Grog im Friesenhof erzählt mir Heino, dass sein Vater Alfred der erste ernstzunehmende Wattführer in Deutschland war. „Mein Vater hatte es seinerzeit schwer, denn die Natur war ja noch in Ordnung, und wen interessierte es da schon, warum und wie das alles funktioniert“, sagt er. „Meine Aufgaben heute sind viel weit reichender als die meines Vaters vor 50 Jahren. Ich muss mich dafür einsetzen, dass der Kollaps des Ökosystems in der Nordsee und im Wattenmeer nicht nur aufgeschoben, sondern verhindert wird. Immer größere Flächen verschlicken, und das führt durch die entstehende Sauerstoffarmut zum Absterben der Tier- und Pflanzenwelt. Das Nach-mir-die-Sintflut-Denken darf hier keinen Platz mehr haben!“

Im Laufe des Abends berichtet Heino, dass die “Sendung mit der Maus“ über die Einmaligkeit des Wattenmeeres mit all seinen Problemen so eindrucksvoll berichtete, dass das Wattenmeer in aller Welt bekannt wurde. „Heute stehen wir mit den Galapagos Inseln, den Everglades, dem Barriere-Riff vor Australien und dem Grand Canyon in den USA in einer Reihe, und das ist doch was! Wir spielen gewissermaßen in der Champions League“, erzählt er stolz. Es wird ein langer Abend. Heino hat viel zu berichten. Das Watt ist sein Leben.

Ich erfahre, dass trotz der Auszeichnung Probleme auf das Wattenmeer Weltnaturerbe zu kommen. Am Horizont drehen sich in naher Zukunft Windkraftwerke auf hoher See und entzaubern die Weite des unendlichen Blickfeldes. Um Häfen tief zu halten, wird der Hafenschlamm ungeklärt ins Meer geschüttet und Pläne für weitere Ölgewinnungen im Wattenmeer gibt es auch. Und dann kommt noch dazu, dass die kaum zu stoppende Erderwärmung den Wasserspiegel der Nordsee anheben wird und das Wattenmeer, die Dünen und die Inseln selbst angegriffen werden. Ein gesundes intaktes Wattenmeer könnte diese Katastrophe weitgehend verhindern.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Auszeichnung WELTNATURERBE ein Anfang ist und ein wirksamer Naturschutz mit gesundem Augenmaß wird. Das Beispiel der Dresdner Waldschlösschenbrücke zeigt, wie ernst die UNESCO ihre Auszeichnungen nimmt.
Die Welt blickt auf unser Wattenmeer, und Schädigungen an diesem Welterbe der Menschheit werden international an den Pranger gestellt.

Als Hotel empfehle ich das Hotel Friesenhof am Kurplatz mit Blick auf den Hafen und aufs Wattenmeer.

 



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